Erstes Mal Schlitten fĂŒr Vitoria

Warum man SchokokĂŒsse in New Jersey nur bei der deutschen Metzgerei kaufen kann, was neunmal in die HĂ€nde klatschen bedeutet und wieso Marc zum 40. Geburtstag eine zweite Frau geschenkt bekam. Und schließlich: Was die Zahlen 2, 15, 6 und 24 bedeuten und wie wir uns langsam auf Deutschland vorbereiten.

 
Das Jahr hat gut angefangen, der erste Monat war vollgepackt und eine völlig verrĂŒckte Mischung aus Routine, zwei Geburtstagen, einem schockierenden Besuch beim Kinderzahnarzt und den ersten Vorbereitungen fĂŒr unsere Heimkehr nach Deutschland im Sommer. Das Thema „Abschied“ platzt direkt mehrfach in unser Leben und es gibt auch schon die ersten TrĂ€nen.

Neue Perspektiven

Ja, bisher habe ich es erfolgreich verdrĂ€ngt, aber jetzt ist es nicht mehr zu leugnen: Unser letztes halbes Jahr ist angebrochen! Es ist also Zeit, einen Plan zu machen, sich um einige Dinge zu kĂŒmmern und trotzdem irgendwie die verbleibende Zeit zu genießen. Ich komme mir vor, als wĂŒrden wir unsere Freunde hier betrĂŒgen – die “gemeinsame Zukunft” verschwindet langsam bzw. wir lösen unsere Bindungen wieder. Das klingt vielleicht hochtrabend, aber es fĂŒhlt sich wirklich ungut an.

Gleichzeitig poppt bei mir im Kopf hÀufig die Frage auf:
„Wie amerikanisch sind wir jetzt?“. Es hat sich viel getan in den letzten Monaten (viele, viele Stunden Schule und Preschool, mein Fundraising, gemeinsam erlebte „Naturgewalten“ und, und, und…Da ist so ein Innehalten nach zwei Jahren USA doch mal ganz spannend.

Unsere Kids beim Zahnarzt

Was Sonnenbrillen und cookie dough-Geschmack mit dem Zahnarzt zu tun haben und warum ich als Rabenmutter abgestempelt werde. Und warum uns nach diesem Horrortrip nur noch ein apple cider mit Sahne und die goodie bags besÀnftigen können.

 
Unser erster Besuch einer zahnĂ€rztlichen Praxis fĂŒr Kinder war eine Steigerung zu meiner Zahnarzt-Erfahrung. Eigentlich sogar grauenvoll, jedenfalls fĂŒr mich. Es ist lange her (wir leben ja jetzt schon seit zwei Jahren hier), dass mich etwas hier so auf dem linken Fuß erwischt hat. DafĂŒr kam es jetzt umso so heftiger. Und so war‘s: Die halbjĂ€hrliche Zahn-Routine-Untersuchung stand an. In Deutschland haben wir die immer in den Ferien hinter uns gebracht.

Was ich wusste:
Ein strahlend weißes (=gesundes) Gebiss ist in den USA viel wichtiger als in Deutschland. Hier einige WerbesprĂŒche von diversen Praxen:

„Your smile is your gateway to your personality.“
„Zoom! One Hour Whitening.“
„Smile Makeovers – now a movie star smile is as close as your mirror.“
„Dr. X has been handcrafting smiles for over 25 years.“
„Call us today for a beautiful new smile.“
„A healthy smile for a lifetime.“

ZunĂ€chst hörte sich bei meiner Recherche im Internet alles sehr verlockend an: Eine zahnĂ€rztliche Praxis fĂŒr Kinder warb damit, dass sie besonders geschult sei im Umgang mit Kindern und „that it is so important for children to learn that going to the dentist can be fun“. Hört, hört! Wir haben uns dann fĂŒr eine Praxis fĂŒr Kinder hier in der NĂ€he entschieden, die sich auf ihrer Webseite kunterbunt, mit lachenden Kindern und Luftballons prĂ€sentierte – aber von wegen …

Was ich nicht wusste:
Zu einem Routinetermin fĂŒr Kinder ab zwei bis drei Jahren gehören immer eine Untersuchung, eine professionelle Reinigung und eine Fluorbehandlung.

So ging es los:

  • Wartezimmer: Teppich, alte „SperrmĂŒllmöbel“ und lautes TV (nervig).
  • Behandlungszimmer: ein fensterloses „Großraumbehandlungszimmer“ mit (Stell)wĂ€nden zwischen den Kindern. Es gibt wenige TĂŒren, aber die, die da sind, stehen offen, auch wenn ein Kind gerade behandelt wird. Paul und Ole liegen „im Flur“, alle latschen hin und her, auch ein kleiner Junge mit Gipsbein samt Eltern humpelt vorbei (er kommt in ein separates Zimmer – die TĂŒr bleibt offen).
    .
  • Es geht los: Zuerst sieht alles fast nach „fun“ aus. Der Fernseher wird angestellt – es gibt Mickey Mouse.
    .
  • Paul und Ole bekommen jeder eine Sonnenbrille (damit das Licht nicht blendet und man ganz in Ruhe Fernsehen gucken kann).
  • „What flavor would you like?“ – sowohl fĂŒr die Zahnpasta als auch fĂŒr das Fluorid dĂŒrfen die Kinder wĂ€hlen zwischen diversen Geschmacksrichtungen: cookie dough, strawberry, cherry, bubble gum, mint, orange, cinnamon, grape …

 

Dann wird es ernster:

  • Nach der Untersuchung ist die Rede von X-rays (Röntgen) – Was? Warum? – Kommt nicht in Frage! UnverstĂ€ndnis im Blick, dann „You have to sign here“.
  • Gleiches Spiel fĂŒr die Fluorbehandlung: Wir verzichten. Die Blicke der Zahnhygienikerin werden missbilligend: „You have to sign here, please.“
  • Dann die Frage: „How often do they floss?“ Als einzige Strategie in solchen Situationen hat sich die offensive Gegenfrage bewĂ€hrt: „How often are they supposed to floss? Every day?“ Und jetzt erzĂ€hlt mir bitte nicht, dass ihr euren 4-jĂ€hrigen Kindern regelmĂ€ĂŸig die ZĂ€hnchen mit Zahnseide reinigt … Klare Antwort: „Oh yes – absolutely.“ Mehr als „Right“ fĂ€llt mir dann auch nicht ein – ich Rabenmutter …
  • Ole will seinen Mund gar nicht mehr aufmachen – die Paste zum ZĂ€hneputzen schmeckt ihm nicht – es gibt Theater – mehrere Versuche – noch mehr Theater …
  • Aus dem Nebenraum (der Junge mit dem Gipsbein) kommt ein leises Wimmern, ansonsten Gesumme und GeschlĂŒrfe von diversen anderen Kindern.
  • Paul, mittlerweile zwei gurgelnde SchlĂ€uche im Mund, liegt regungslos da, lĂ€sst die Reinigung stoisch ĂŒber sich ergehen und guckt gebannt auf den Fernseher.

Es eskaliert:

  • Ole wehrt sich mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen – der Geschmack, das Wasser, das Absaugen – ich breche ab. Die Dame ist froh, wir sind eh ein hoffnungsloser Fall!
  • Ich fĂŒhle mich ĂŒberflutet von den piepsigen Mickey Mouse-Stimmen und ihren Freunden, die asynchron, dafĂŒr aber im Surround-Sound aus verschiedenen Quellen kommen. Dazu das Gesumme und Gezische von den anderen StĂŒhlen, Oles Gejammer und die Sprechstundenhilfen, die sich beim Hin- und Herlaufen lautstark unterhalten („Did you try my coffee cake?“) und kichern. Eine macht im Vorbeigehen ein Foto von Paul („Oh, he looks so cute“- klick).
  • Paul wird immer noch geschrubbt und poliert – Mickey Mouse hĂ€lt ihn in ihrem Bann.
  • Aus dem Nebenzimmer tönt inzwischen lautes Weinen, dazwischen die beschwichtigenden Stimmen von Vater und Mutter, die TĂŒr wird geschlossen (aha, dafĂŒr gibt es also „Einzelzellen“!).
  • Wie lange dauert das noch? Dann ist Paul endlich fertig.

Die Rechnung:

  • Die schockt uns nicht, denn wir waren vorgewarnt: „That’ll be 300 dollars.“ 190 fĂŒr Paul und 110 fĂŒr Ole (er hat ja nicht das ganze Paket bekommen, aber 110 Dollar fĂŒr die Untersuchung ist ganz schön happig). Egal, ich zahle und will nur weg.

Mir kommen die TrÀnen, der Junge im Nebenzimmer schreit sich mittlerweile die Seele aus dem Leib. Was machen die mit dem armen Kerl? Die Helferinnen sind komplett unbeeindruckt, quatschen, lachen. Ist das hier an der Tagesordnung? Himmel!

Super stolz verlassen Ole und Paul die Praxis mit ihren „Super patient – goodie bags“ in der Hand. Ich bin sicher, dass mir die „goodies“, wie z. B. der „lip balm strawberry“ oder die „fun flosses“ mit Emblem der Horrorpraxis in den nĂ€chsten Wochen immer wieder in ihren Schatzkisten begegnen werden. Bei mir hingegen hilft nur eins gegen die weichen Knie: apple cider mit Sahne und extra viel Karamell.

 

Einen Rekord in unserer Familie wird Paul nun fĂŒr immer halten: Sein reines Milchzahngebiss ist als erstes und einziges in der Familie professionell gesandstrahlt worden – fast schade, dass er vor lauter „Mickey Mouse gucken“ gar nichts davon mitbekommen hat …

Hier gehts zum Halbjahrescheck von Theo und Tim

Rote Herzen

Der Januar begann mit einem kick-start – seit dem 2. ist hier wieder „business as usual“, das heißt Schule und Arbeit. Und wir merken schon, dass uns die Extraferienwoche, wie wir sie aus Deutschland kennen, geklaut wurde.

Das Neue Jahr ist noch nicht mal eine Woche alt, da gesellen sich rote Herzen zu den Weihnachtsdekorationen – ja, ja, der Valentinstag ist nicht mehr weit! Also: besser schon mal die Reservierung fĂŒr das Abendessen mit der Liebsten machen.

 

In der ersten Januarwoche flattern hier von allen Seiten „Thank you“-Notes fĂŒr die Weihnachtsgeschenke (Taschen, Schokolade etc.) von den Lehrerinnen der Kids ins Haus. Alle sind persönlich adressiert, und viele sind mit der Hand geschrieben: „Thank you so much for your generous gift – it was so thoughtful/kind of you.“ Gehören diese Begriffe ĂŒberhaupt noch zum aktiven Wortschatz von uns Deutschen? Aber das hatten wir ja schon mal, ihr erinnert euch? Dabei hatten wir uns nur an den Gemeinschaftsgeschenken der Klassen beteiligt, also keine Extrawurst gemacht.

Kekse fĂŒr den guten Zweck

Und da wir gerade von Schokolade sprachen: Die Girl Scouts, die „spring-fundraiser“, schwĂ€rmen wieder aus und versuchen, ihre Kekse unters Volk zu bringen. Die MĂ€dchen unserer Straße lĂ€uten also an den HaustĂŒren der Nachbarn und wir sind dabei. Klar, wir bestellen auch, fĂŒr vier Dollar pro Keksbox. Bis Ende Januar habe ich fĂŒr ca. 50 (!) Dollar Girl Scouts-Kekse bestellt, denn wir haben mehrere Nachbarstöchter bei den Girl Scouts (was mir aber beim ersten MĂ€dchen nicht klar war), und ich wollte keins zurĂŒckweisen. Mein Favorit unter den Keksen, die es nur ĂŒber diese Quelle gibt, sind „Samoa“, mit viel Karamell und Kokosnuss. Aber Geduld ist angesagt – die Lieferung wird erst fĂŒr MĂ€rz erwartet.

Happy Snow day

Das Wetter ist weiterhin sehr mild und wir können nicht klagen. Es geht zwar mal auf minus zehn Grad runter, aber immer nur kurz. Und was das Beste ist: kein Schneechaos wie letztes Jahr! Alle Pick-ups fahren ohne RĂ€umer vorne dran, Schneeschaufeln sind LadenhĂŒter, und nur ein einziger Nachbar hat Schneemarkierungen an seinem driveway aufgestellt (ausgerechnet der am bus stop – Spielverderber!). Innerlich frohlocke ich: An jedem Tag, der ohne Schneefall vergeht, mache ich gedanklich einen dicken roten Haken. Eigentlich wĂ€re ja jetzt genau der richtige Zeitpunkt, sich mit Schneeschaufeln, Batterien und wieder verfĂŒgbaren Generatoren einzudecken, aber wir bekommen das azyklische Einkaufen einfach nicht hin. Und ich hoffe, dass wir das alles hier nicht mehr brauchen werden 🙂 .

 

Das Einzige, worauf ich bestehe ist, dass Marc uns hier mit Brennholz eindeckt, bevor er sich nach Europa aufmacht – im Falle eines Stromausfalls kann ich nĂ€mlich weder ein Messauto an unsere Heizung anschließen noch habe ich Lust, hier im Haus mit vier Kindern festzufrieren. Und mit unserem Kamin bekommen wir wenigstens einen Raum warm.

Einen einzigen snow day hatten wir im Januar und der fiel auch noch auf einen Samstag – ha! Diesmal hatte ich GlĂŒck, denn ich arbeite ja an einer Samstagsschule 🙂 . Und jetzt kann ich auch das freudige GefĂŒhl der Kids letztes Jahr ĂŒber jeden snow day verstehen.

 

Alle wollten sofort in den Schnee – und Vitorias Gekreische ĂŒbertönte das aller anderen, als sie auf dem HĂŒgel vor unserem Haus das erste Mal in ihrem Leben Schlitten fuhr. Beim letzten Schneefall im Oktober fielen ja die BĂ€ume vom Himmel, da gab es fĂŒr alle Ausgehverbot, auch fĂŒr Vitoria. Also, das war richtig schön, aber mehr an Schnee brauche ich jetzt auch nicht!

SchokokĂŒsse und FrĂŒhlingstemperaturen

Tim wird Anfang Januar acht Jahre alt. Er wĂŒnscht sich natĂŒrlich wie immer Lego. Aber er hat diesmal auch einen ausgefallenen Wunsch: Er will unbedingt SchokokĂŒsse! Warum ausgefallen? Tja, die gibt es hier in normalen LĂ€den nicht, denn das ist etwas typisch Deutsches! Wusstet ihr, dass insgesamt jĂ€hrlich eine Milliarde davon in Deutschland verkauft werden (laut Wikipedia)? Das macht durchschnittlich zwölf SchokokĂŒsse pro Person!

Ich telefoniere einige deutsche Metzgereien durch – nicht wundern, die sind immer eine gute Anlaufstelle fĂŒr „deutsche“ SonderwĂŒnsche wie z. B. Tortenguss, Überraschungseier u. a. Beim dritten Versuch werde ich fĂŒndig, und wir kaufen direkt alle Schaumkuss-Packungen auf, die im Laden zu bekommen sind. Das Personal macht dem Klischee, dass die Deutschen muffelig sind, alle Ehre. Aber die Wurst ist wohl so gut, dass die Kundeninnen und Kunden trotzdem wiederkommen. Uns interessieren ja auch momentan nur die SchokokĂŒsse – Tim und die anderen drei sind happy, ich auch.

Klatschen und „one for good luck“
Jedes Land hat seine eigenen Rituale, so auch Amerika. Seitdem wir hier sind, klatschen wir zum Beispiel nach dem Kerzenauspusten in die HĂ€nde, bei Tims achtem Geburtstag also neun Mal: „One, two, three, four, five, six, seven, eight – and one for good luck!“ Dieser Brauch ist neu fĂŒr uns und kommt aus Oles (6) Montessori-preschool – gibt es den in Deutschland eigentlich auch?

 

Und tatsĂ€chlich – es klappt: Das erste Mal in seinem Leben kann Tim seinen Kindergeburtstag bei frĂŒhlingshaften 16 Grad draußen feiern – und das am 7. Januar! Es ist die höchste Temperatur, die seit Wetteraufzeichnungen an diesem Tag je in New Jersey gemessen wurde.

Eine „Zweitfrau“ als Geburtstagsgeschenk

Bei unserem zweiten Geburtstagskind Marc mĂŒssen wir dann doch noch etwas öfter klatschen – 41 Klatscher inklusive dem fĂŒr GlĂŒck: Happy Birthday! Ich habe mir schon etwas Besonderes fĂŒr diesen runden Geburtstag ĂŒberlegt. Mein Geschenk heißt Amanda, sieht gut aus und ist fit wie ein Turnschuh. Sie kommt zweimal die Woche ins Haus, und mit ihr darf sich Marc mal so richtig austoben.

Na, neugierig?
Richtig: eine Personal Trainerin!
Beim ersten Treffen wird alles klar gemacht: Zuerst waiver unterschreiben, die rechtliche VerzichtserklĂ€rung. Damit ist Amanda nicht haftbar, egal was auch passieren mag. Dann erklĂ€rt sie unbeeindruckt: „I’ll push you to the limits. You do what I tell you. I will make you suffer and you will hate me. Don’t mail in, you have to dial in.“

 

Hui, alles klar – und los geht’s in den Keller zum Trainieren! Sie ist genauso, wie ich mir eine amerikanische Personal Trainerin vorgestellt habe: immer gut gelaunt, mit wippendem Pferdeschwanz, saufreundlich. Aber sie weiß genau, was sie will, kommt auf die Minute und flitzt nach exakt 60 Minuten wieder aus unserer HaustĂŒr raus.

Eine Personal Trainerin oder einen Trainer zu haben, ist hier ĂŒbrigens lange nicht so exotisch, snobistisch oder abgedreht wie in Deutschland. Viele gehen ins Fitnessstudio und haben dann dort ihre Trainer/innen, die ihnen ein maßgeschneidertes Fitnessprogramm bieten. Und fĂŒr die hartnĂ€ckigen FĂ€lle gibt es eben auch die, die nach Hause kommen, so wie Amanda. Kostenpunkt: 60 Dollar pro Stunde. Klar, super teuer. Aber wenn das die einzige Möglichkeit ist, Marc zum Sport zu bekommen, dann ist das eben so. Bis 40 bekommt man seine Gesundheit „geschenkt“, danach muss man regelmĂ€ĂŸig etwas dafĂŒr tun, oder?

Amandas Stimme ist so laut, dass man sie aus dem Keller im ganzen Haus hört: Sie gibt an, welche Übungen Marc machen soll, sie zĂ€hlt mit, hat Hanteln, BĂ€lle etc. dabei, sie feuert ihn an. Und wenn er schlappmacht, tut sie das notfalls auch mit deutschem Akzent, wie sie uns verrĂ€t – das hat mit dem Image der Deutschen zu tun, die in amerikanischen Filmen oft die Fieslinge mit starkem deutschen Akzent mimen. Da hört man sie herumkommandieren und auf deutsch „schnell, schnell“ sagen (ein amerikanischer Freund zitiert das immer mit einem breiten Grinsen). Das hört sich dann so an: „Los gĂ€ts! Los gĂ€ts!“ Armer Marc – ich hoffe, sie ĂŒbertreibt es nicht. Damit Marc auch ein greifbares Ziel bei der „Schinderei“ hat, schenke ich ihm die Anmeldung zum 4-Meilen-Rennen anlĂ€sslich des Super Bowls Anfang Februar in Morristown gleich dazu.

„Ein paar Koffer sind doch schnell gepackt …“

So lauteten jedenfalls die aufmunternden Worte einer E-Mail mit NeujahrsgrĂŒĂŸen aus Deutschland von einer Freundin. Vor zwei Jahren sind wir mit 15 Koffern hierher geflogen, aber dabei ist es leider nicht geblieben. Unsere Möbel, Unmengen Lego und all die Sachen, die sechs Leute in 24 Monaten so ansammeln, sind dazugekommen.

Eigentlich wollte ich nur eine Grobplanung fĂŒr den Ablauf der „RĂŒckumsiedlung“ machen, aber diese Rechnung ist nicht aufgegangen: Wir mĂŒssen fĂŒr Ole eine geeignete Schule in Mönchengladbach finden, dem „Deutsch“ unserer Kinder unter die Arme greifen, ein Au-pair fĂŒr Deutschland suchen und noch tausend andere „Kleinigkeiten“ in Angriff nehmen (z. B. ein Umzugsunternehmen finden, Hausinventar auflisten, Plan fĂŒr die Autos machen, fristgerechte KĂŒndigungen und Abmeldungen vornehmen, Kinder in Deutschland anmelden und uns ums Ausmisten, den RĂŒcktransport, den garage sale, die Krankenversicherung und vieles andere mehr kĂŒmmern …).

Wie geht es mit den Kindern in Deutschland weiter?

 

Vor zwei Jahren haben wir Theo (7), Tim (6), Ole (4) und Paul (2) aus ihrem Leben „herausgerissen“ und sie nach Amerika verpflanzt. Mittlerweile haben sie Wurzeln geschlagen, finden sich im Alltagsleben gut zurecht, haben neue Freunde und lieben es, freitags nach der Schule vor dem Kamin zu sitzen. Jetzt im Januar, fĂŒnf Monate vor unserem Umzug, Ă€ndert sich die Blickrichtung fĂŒr uns wieder Richtung Deutschland. Und auch, wenn sich „Àußerlich“ noch nicht so viel tut, finde ich dieses Umschwenken im Kopf ganz schön anstrengend. Wie wird die Anpassung „rĂŒckwĂ€rts“ wohl werden? Wie wird es mit der Schule und mit Freunden laufen?

Ole (6) wird in Deutschland eingeschult. Jetzt gilt es, eine geeignete Schule fĂŒr ihn zu finden. Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass er „Schiffbruch“ erleidet, von daher kein „swim or sink“ mehr, wie hier am Anfang – er braucht definitiv mehr UnterstĂŒtzung als ein „Durchschnittskind“. Daher mĂŒssen wir uns Schulen ansehen, die diese Extrabetreuung bieten – kein leichtes Unterfangen, und aus dieser Entfernung schon mal gar nicht.

Marc fĂŒhrt einige nĂ€chtliche GesprĂ€che (Zeitverschiebung!) mit Grundschulen, denn der E-Mail-Kontakt ist an deutschen Schulen definitiv noch nicht so gut „entwickelt“ wie hier. Das kommt mir vor wie ein „DĂ©jĂ -vu“, als ich vor zweieinhalb Jahren nachts in Deutschland am Telefon hing und die ersten Termine beim Kinderarzt in den USA zum „annual check“ gemacht habe. Marc fliegt zweimal nach Deutschland, fĂŒhrt GesprĂ€che mit Schulleitungen und guckt sich Schulen an – und eigentlich wĂ€re ich auch gerne mit dabei … aber okay.

Außerdem wollen wir die Zeit hier noch nutzen, eine detailliertere Diagnose fĂŒr Ole zu erhalten als die vor anderthalb Jahren in Deutschland („Verdacht auf ADHS“). Es geht uns nicht ums „Label“, sondern darum, die Therapien besser abstimmen zu können und auch zu schauen, welche Fördermaßnahmen wir an der Schule einfordern können. Eine Testung hier kam bisher nicht in Frage, weil Ole zuerst einmal genug Englisch können muss. Daher stehen nun viele Extratermine fĂŒr diverse Tests und Gutachten im Child Development Center im Morristown Memorial Hospital an, ich fĂŒlle jede Menge dieser endlosen Fragebögen ĂŒber Oles Entwicklung aus (manche haben tatsĂ€chlich 250 Fragen!). Ole wird also neurologisch, psychologisch, audiologisch, educational (die Bildung betreffend) getestet – anstrengend. Und ich finde alles ziemlich aufwĂŒhlend und anstrengend. Aber was soll erst Ole sagen, der durch die ganzen Tests durch muss! Bisher hat er richtig gut mitgemacht.

 

Paul (4) wird noch ein Jahr in den deutschen Kindergarten gehen. Dort kann er endlich mal im Matsch buddeln, auch bei schlechtem Wetter. Wir hoffen, ihn dann nicht mehr alleine mit hĂ€ngendem Kopf ĂŒber den Spielplatz stapfen zu sehen wie hier. Er selbst findet die Idee mit dem Kindergarten ĂŒbrigens bei weitem nicht so gut wie ich und protestiert lautstark: „Ich will nicht mehr in den Kindergarten!” Er will lieber in die Schule gehen, wo er doch jetzt so auf Zahlen und Buchstaben gedrillt ist. Wenn wir hier blieben, wĂŒrde er im September tatsĂ€chlich in die Vorschule, also den amerikanischen “Kindergarten”, kommen, wo er dann auch von morgens 9 bis nachmittags um 15 Uhr die Schulbank drĂŒcken mĂŒsste.

 

Tim (8) kommt in die 3. Klasse der Grundschule bei uns um die Ecke. Er hat also die ersten beiden Grundschuljahre in Deutschland verpasst und kann Deutsch weder lesen noch schreiben. Aber zumindest hat er noch zwei Jahre Zeit, um aufzuholen und sich umzugewöhnen, bis es fĂŒr ihn auf die weiterfĂŒhrende Schule geht. Diesen Monat ist er in der Schule als „safety patrol“ eingeteilt, d. h. er muss/darf nach der Schule im Gang stehen und aufpassen, dass sich alle Kinder an die Regeln halten (z. B. nicht rennen, nicht streiten). Er macht seinem Job alle Ehre und ermahnt viele: „No running.“

 

Theo (9) kommt in die 5. Klasse auf das Gymnasium bei uns in der Nachbarschaft. Ihm „fehlen“ zweieinhalb Jahre deutsche Grundschule. Eine wichtige Frage, die sich fĂŒr ihn stellt, lautet: Latein oder Englisch? Englisch wĂ€re etwas langweilig fĂŒr ihn, aber ob er deswegen Latein wĂ€hlen soll? Marc und ich beraten ihn, entscheiden wird er allein. Bei seinem Harry Potter-Faible tippe ich auf Latein – mal abwarten.

„War alles nur Spaß, Jungs! 🙂 ”

In den letzten zwei Jahren waren wir alle damit beschĂ€ftigt, die amerikanische preschool und Schule und die damit verbundenen Aufgaben zu bewĂ€ltigen. FĂŒr Ole war der Übergang wirklich schwierig, und es ist fĂŒr ihn immer noch sehr anstrengend. Auch Tim musste sich das Lesen- und Schreiben-Lernen ganz schön erkĂ€mpfen. FĂŒr das Deutsche war da kein Platz – das wĂ€re die totale Überforderung fĂŒr ihn gewesen. Daher haben wir die Kinder nicht auf die Deutsche Schule geschickt, bei der ich arbeite.

Jetzt verschiebt sich ĂŒberraschend krass der Fokus im schulischen Leben: Warum noch englische “spelling words” pauken – vielleicht doch lieber wieder das Deutschbuch rausholen? In sieben Monaten wird Tim, der weder Deutsch lesen noch schreiben kann – also wirklich ĂŒberhaupt nicht! – direkt in die dritte Klasse gehen. Theo hat zumindest rudimentĂ€re Deutsch-Kenntnisse vom 1. Schuljahr, er kann Deutsch ganz gut lesen und auch nach englischen Lautregeln schreiben – fragt nur nicht, wie. Uns bleiben noch sieben Monate Zeit, das Deutsch von Theo und Tim aufzupolieren.

Daher legen wir seit zwei Wochen am Wochenende eine Deutscheinheit ein. Denn ich finde einen etwas kontrollierten „Angriff“ besser als ein “AbstĂŒrzen” in einem halben Jahr, wenn die restliche Umstellung auch noch dazukommt. Es kommen Erinnerungen an unsere erste Zeit hier in Morristown hoch, wo wir mit Theo auch schon sonntags mit den Hausaufgaben angefangen haben, weil es unter der Woche einfach nicht alles zu schaffen war.

Mit Theo arbeite ich jetzt Themen aus dem Deutschbuch der 2. Klasse durch (obwohl er hier in der 4. Klasse ist), Tim muss sich erst mal mit der deutschen Schreibschrift anfreunden. Das sogenannte „cursive” ist hier ein absolutes Stiefkind, wenig beachtet und kaum geĂŒbt. Meine Schulkinder an der deutschen Schule haben sogar Schwierigkeiten, meine Tafelanschriebe in Schreibschrift zu lesen.

 

Ich staune, wie viele Fehler man in einem Wort machen kann (z. B. „lekeres flysh“ – leckeres Fleisch). Eine Mischung aus vereinfachter Ausgangsschrift und englischer Schreibweise. Der Trick bei „flysh“ ist, laut wie ein/e Amerikaner/in zu lesen – dann versteht man es. So trivial, wie ich gedacht habe, ist die deutsche Rechtschreibung eben auch nicht, wenn man ans Englische gewöhnt ist und seit fast zwei Jahren Deutsch nur noch als mĂŒndliche Sprache nutzt.

Aber gemach – wir lassen uns nicht von den grassierenden “Horrorstories” einiger anderer kĂŒrzlich zurĂŒckgegangener Expat-Familien aus der Ruhe bringen. Ein bisschen was tun ist besser als den Kopf in den Sand zu stecken.

Und ganz ehrlich: Ich bin der Meinung, dass man das erste Jahr nach der RĂŒckkehr die Deutschnote aussetzen sollte, um den Kindern Zeit geben, sich in Ruhe ans andere Laut-Buchstabensystem zu gewöhnen (und an den Rest!). FĂŒr ein paar Monate kann man doch auch wunderbar ohne Dehnungs-h und Vogel-v leben, und man ist auch ohne Schreibschrift und gute Stifthaltung noch ein liebenswerter Mensch, oder?

An der deutschen Schule, an der ich unterrichte, gelten Kinder nach ein bis zwei Jahren Übersiedlung ĂŒbrigens nicht mehr als muttersprachlich (Faustregel). Einige Kinder in meiner Klasse bestĂ€tigen allerdings das Gegenteil: Sie könnten im mĂŒndlichen Bereich durchaus als Deutsche durchgehen, auch wenn ihr schriftliches Deutsch einige „Abweichungen“ zeigt.

Die Begeisterung ĂŒber die Deutschstunden hĂ€lt sich bei Tim und Theo stark in Grenzen. Ist ja auch irgendwie ganz schön gemein – seit zwei Jahren pauken wir hier englisch Schreiben- und Lesen-Lernen, stellen Theo alle Harry Potter-BĂŒcher auf Englisch ins Regal (die er nun zum dritten Mal komplett verschlingt), und jetzt kommen wir auf einmal und sagen: „Ach ne, Theo, den Harry Potter legst du jetzt mal weg. Guck doch mal hier ins Deutschbuch, schreib der Oma doch mal einen Brief auf Deutsch, und hier ist ein Buch von Cornelia Funke …” So viel zum Thema „GlaubwĂŒrdigkeit”.

Das Positive: Unsere schreibfaulen Jungs werden in den nĂ€chsten Monaten wohl mehr Briefe nach Deutschland schicken als in den gesamten letzten zwei Jahren. Und wenn die Arbeit erledigt ist – nach vielen Keksen und mit zum Teil viel Gemaule vor allem von Tim, Theo nimmt es stoischer, –  hĂŒpfen sie vergnĂŒgt zu unserem Briefkasten unten an der Straße, machen ihn leer, legen dann ihren Brief hinein und klappen die rote Flagge nach oben. Was fĂŒr den BrieftrĂ€ger heißt: „Hallo, hier ist Post, die weg muss!“

Family Bits and Pieces Januar 2012

  • Vitoria hat immer noch keinen gĂŒltigen New-Jersey-FĂŒhrerschein: Sie ist inzwischen so oft durch die theoretische PrĂŒfung gefallen, dass sie jetzt sogar erst mal den sogenannten „Road Test“ machen muss, den praktischen Teil. Schon zweimal musste sie unverrichteter Dinge von dannen ziehen, weil a) jemand sie begleiten muss, der einen FĂŒhrerschein hat und ein Auto fĂŒr die PrĂŒfung bereitstellt (also muss Marc wohl mit) und b) das ein Auto sein muss, das keine Mittelkonsole hat, damit der PrĂŒfer/die PrĂŒferin notfalls auf die Bremse treten kann (Fahrschulautos gibt es fĂŒr diesen Test wohl nicht – schon komisch).
    .
  • Ein bisschen Kultur gab‘s fĂŒr Marc und mich: Wir sind zu den New Yorker Philharmonikern eingeladen – ein beeindruckendes Konzert.
  • Wir kaufen ein Ferienhaus in einem Dorf in der Eifel – mitten im Nichts! Der Gedanke an das in vieler Hinsicht so viel engere und kleinere Deutschland ist fĂŒr uns manchmal etwas bedrĂŒckend. Und da ist uns die Idee mit einem Haus mit viel Platz drumherum gekommen. Mal gucken, ob das aufgeht …
  • Wir verabschieden eine befreundete deutsche Familie, die nach sieben Jahren zurĂŒck nach Deutschland geht – und damit ist auch einer von Theos besten Freunden weg. Dabei erleben wir schon mal live mit, wie sich „die letzten Wochen“ so anfĂŒhlen: Zahlenschloss an der TĂŒr (fĂŒr Makler/innen), Fremde, die durch das Haus latschen, Leihautos, Kartons im Haus, endlose Listen, Abschiede planen, die letzte Woche im Hotel (weil alle Sachen schon im Container sind).
    Auf dem RĂŒckweg von der Farewell-Party bricht Theo in TrĂ€nen aus, weil er seine beiden besten Freunde verliert – seinen deutschen Freund, der jetzt nach Deutschland umzieht und in fĂŒnf Monaten dann seinen amerikanischen Freund, den er hier zurĂŒcklassen muss, wenn er selbst nach Hause geht.
    .
  • Und dann macht auch noch unser LieblingscafĂ© in Morristown zu, das „Greenberrys“. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: „Have you heard that …?“ Die schlechte Wirtschaftslage und der neu aufgemachte Starbucks gegenĂŒber sind wohl mit dran schuld. Das hat niemand kommen sehen – wirklich schade, dass es unser gemĂŒtliches und familiĂ€res StammcafĂ© jetzt nicht mehr gibt.

 

Aber wir wollen kein TrĂŒbsal blasen, sondern auch noch etwas von Land und Leuten mitnehmen: Daher geht es im Februar erst mal nach Kalifornien, im April – wie letztes Jahr –nach Florida und im Mai nach Neuengland. Jetzt oder nie – in einigen Monaten sind wir wieder so weit weg, dass wir mit sechs Leuten in den nĂ€chsten Jahren da nicht mal so eben hinkommen.

 

Und in New York gibt es auch noch so einige Dinge, die wir auf keinen Fall verpassen möchten, wie z. B. Ellis Island, einmal in die Oper gehen, den Kids eine Broadwayshow zeigen und vieles mehr. Und mich reizt auch noch der Sport – zumindest von jeder Sportart mal ein Spiel gesehen haben. Aber das wird vielleicht schon zu eng. Schaumermal!

Special: Zwei Jahre USA: Wie amerikanisch sind wir jetzt?

Hand aufs Herz

Von der Dusche amerikanischer SolidaritĂ€t und vom Wurzeln-Schlagen. Warum wir uns nicht mehr ĂŒber Ohrentropfen fĂŒr 500 Dollar aufregen und
warum die amerikanische Sprache besser zum Fundraising geeignet ist. Wie unsere Jungs singend, rechnend, lesend und schreibend ins Englische wachsen und was es mit dem bösen f-word auf sich hat.

 

Bis bald
 PS: Hier geht’s weiter zum nĂ€chsten Monatsbrief. Viel Spaß beim Lesen!